Reifentragfähigkeit und Luftdruck am Wohnmobil
Wie Achslast, Load-Index und Hersteller-Drucktabelle zusammenhängen und warum Vorder- und Hinterachse getrennt geprüft werden müssen.
Der Reifen muss zur tatsächlichen Achslast passen, nicht nur zur zulässigen Gesamtmasse. Beim Wohnmobil ist das besonders an der Hinterachse relevant: Beladung weit hinten kann die Hinterachse stärker treffen als ihr Eigengewicht vermuten lässt. Deshalb beginnt die Prüfung mit einer achsweisen Verwiegung oder mit einer Planungsrechnung aus dem Achslast-Ratgeber.
Erst Achslast, dann Reifen
Ein zweiachsiges Wohnmobil verteilt sein Gewicht nicht automatisch gleichmäßig. Die Vorderachse kann Reserve haben, während die Hinterachse knapp wird. Für die Reifen zählt deshalb nicht die Fahrzeugmasse insgesamt, sondern die Last pro Achse und pro Reifen.
Der Rechner für Reifentragfähigkeit und Luftdruck teilt die tatsächliche Vorderachslast durch zwei. Bei der Hinterachse teilt er durch zwei bei Einzelbereifung und durch vier bei Zwillingsbereifung. Daraus entsteht die erforderliche Tragfähigkeit je Reifen.
Was der Load-Index aussagt
Der Load-Index ist die Zahl auf der Reifenflanke, die einer maximalen Tragfähigkeit zugeordnet ist. Ein LI 109 steht in der verwendeten Tabelle für 1.030 kg je Reifen, LI 116 für 1.250 kg. Diese Werte sind tabelliert; sie werden nicht geschätzt.
Die Datengrundlage sind ECE-R 30/54 und die ETRTO-Lastindex-Tabelle; die Werte wurden zusätzlich an 22 Stellen gegen ein Michelin-Datenblatt gegengeprüft. Damit ist die Tragfähigkeitsseite belastbar genug für die Rechnerlogik; konkrete Druckwerte bleiben Herstellerangaben je Reifengröße, Achsposition und Tabellenstand.
Warum Luftdruck nicht aus einer einfachen Formel kommt
Der schwierige Teil ist der Luftdruck. Ein Reifen erreicht seine Load-Index-Tragfähigkeit nicht bei einem pauschalen Druckwert, der für alle Reifen gilt. Bei C- und CP-Reifen ist die Zuordnung aus Last und Druck eine Herstellertabelle für genau diese Reifengröße und Reifenklasse.
Deshalb berechnet der Rechner keinen Mindestfülldruck. Er zeigt, welcher Load-Index zur Last passt, und verweist danach auf die passende Drucktabelle des Reifenherstellers. Die oft wiederholte Pkw-Aussage “der Load-Index gilt bei 2,5 bar” passt nicht zu C-/CP-Reifen am Wohnmobil. Auch die Faustregel “0,1 bar mehr entspricht einem LI-Punkt” wird nicht verwendet; sie hält der Gegenprüfung am Herstellerdatenblatt nicht stand.
Vorderachse und Hinterachse getrennt lesen
Bei CP-Reifen können Hersteller Vorder- und Hinterachse unterschiedlich freigeben. Aus den dokumentierten Michelin- und Continental-Tabellen im Referenzdatenbestand leitet der frühere Research-Bericht einen Hinterachs-Faktor von rund 0,889 ab; der aktuelle Verifikationslauf bestätigt die Detailtabellen aber nur teilweise als frei zugänglichen Primärtext. Der Faktor ist deshalb als Herstellerdaten-Auswertung zu lesen, nicht als amtliche Formel.
Die Folge ist praktisch: Für CP-Reifen nennen Hersteller an Wohnmobil-Hinterachsen häufig höhere Drücke als vorne. Für Michelin Agilis Camping ist als allgemeiner Herstellerhinweis 5,5 bar an der Hinterachse mit Metallventilen bestätigt; die 4,75-bar-Vorderachsangabe aus den Referenzdaten bleibt ein tabellenbezogenes Herstellerbeispiel. Wer vorne und hinten denselben Druck ansetzt, kann die Hinterachse zu optimistisch bewerten.
Beispiel ohne Druckformel
Angenommen, die Hinterachse wiegt beladen 1.940 kg und ist einzelbereift. Dann muss jeder Hinterreifen rechnerisch 970 kg tragen. In der Load-Index-Tabelle reicht LI 107 mit 975 kg gerade aus; LI 109 hätte 1.030 kg Tragfähigkeit und damit 60 kg Reserve je Reifen.
Dieser Schritt beantwortet nur die Tragfähigkeit. Welcher Druck dafür bei deinem konkreten Reifen nötig ist, steht in der Herstellertabelle. Wenn dort für die Hinterachse ein höherer Druck und Metallventile gefordert werden, ist das Teil der Freigabe und kein optionaler Komfortwert.
Rechtlicher Rahmen und Quellenstand
§ 36 StVZO ist der deutsche Rechtsrahmen: Reifen müssen zu Belastung und bauartbestimmter Höchstgeschwindigkeit passen; Tragfähigkeit und Geschwindigkeitskategorie sind Herstellerkennzeichnungen. Konkrete Luftdruckwerte liefert nicht die StVZO, sondern die Freigabe- oder Drucktabelle des Reifen- oder Fahrzeugherstellers. ECE-R 30/54 und ETRTO liefern den Normkontext für Load-Index-Kennzeichnung und Tragfähigkeitstabellen. Stand: 20.08.2026.
Diese Seite ist keine Reifenfreigabe und ersetzt keine Fachprüfung. Sie ordnet die Rechenkette ein: Achslast ermitteln, Mindest-Load-Index prüfen, Herstellerdrucktabelle lesen, bei negativer Reserve oder unklarer Kennzeichnung Fachwerkstatt oder Prüfstelle einbeziehen.
Wenn Achsen und Reifen rechnerisch tragen, folgt die Frage, ob eine Auflastung und die passende Führerscheinklasse zusammenpassen.
Quellen
Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO), § 36 Bereifung und Laufflächen
ECE-Regelung Nr. 30, Luftreifen für Kraftfahrzeuge und ihre Anhänger
ECE-Regelung Nr. 54, Luftreifen für Nutzfahrzeuge und ihre Anhänger
ETRTO Standards Manual, Load Index Tables